... der kann den Weg nicht finden.
Seit über 40 Jahren beschäftige ich mich beruflich mit Kommunikation, davon 20 Jahre als zertifizierter Wirtschafts-Coach.
Besonders in den Jahren als Coach ist mir die Bedeutung von Zielen geradezu Mantra-artig ans Herz gewachsen. Tausende Male habe ich meine Klient*innen dafür sensibilisiert, wie wichtig es ist, die eigenen Vorhaben und Pläne mit einem inspirierenden Ziel aufzuladen.
Einem Ziel, das man erreichen will - und eben nicht einer angsterfüllten Vorstellung, die man vermeiden will. Genau daraus sollte eben der Unterschied zwischen einer Reise und der Flucht entstehen. Zwischen Schweiß und Tränen.
Zwischen hin-zu und weg-von.
Aus all der durchaus anstrengenden Kompass-Arbeit soll die zielorientierte Bewegung auf der Landkarte entstehen. Also eine Sortiermaschine, die einem die Sicherheit gibt, zwischen Zieldienlichkeit und leeren Kilometern zu unterscheiden.
So viele meiner Klient*innen ließen sich von dieser Perspektive anstecken und haben mit eigenen Gedanken und eigener Ausdauer ihren Weg zu ihrem Ziel gefunden und beschritten.
Ich schreibe das alles nicht, um Eigen-PR zu betreiben. Sondern ausschließlich nur deshalb, weil ich aus all diesen berührenden Erlebnissen die Sicherheit ableite, dass dieser Zugang sehr erfolgreich und sinnstiftend ist.
Cut.
Gestern sind die Verhandlungen zur Bildung einer 3er-Koalition der österreichischen Bundesregierung geplatzt. Die NEOS haben die Gespräche verlassen.
Darüber kann man sehr unterschiedlicher Meinung sein. Das wird ohnehin in den diversen Öffentlichkeiten abgearbeitet.
Ohne meinen Kardiologen in Panik versetzen zu wollen: Mir tut das professionelle Herz weh.
So gut wie alles, was seit September/Oktober 24 geschah, kann ich in meinen Workshops und Seminaren als No-Gos erfolgreicher Teamarbeit verwerten. Ohne Freude über das Rechthaben, mit ganz viel Abscheu über so viel Borniertheit.
Meine wunderbare Frau ist Zeugin, wie mich Ende Oktober bei einem Spaziergang in unserem geliebten Radstadt eine Idee aus dem Gebüsch ansprang.
Die Idee, die gerade eben gestarteten Gespräche zur Bildung einer 3er-Koalition zu moderieren.
Und zwar von jemandem links der Mitte und von jemandem, der ein paar Millimeter rechts der Mitte steht. Ich habe sogar eine Person, auf die mein Suchprofil perfekt passte, kontaktieren können und diese Person, die in der Wolle gewaschen politisch professionell ist, hat mir mit müdem Lächeln abgewunken.
Begründung: Die handelnden Verhandler würden das Involvement von externen Moderatoren als persönliches Armutszeugnis deuten.
Ja. Da hatte diese sehr erfahrene Person wohl recht.
Seit gestern wissen wir es genauer, als wir es wissen wollten.
Und die bei den Verhandlungen in statu abeundi befindliche NEOS-Chefin, über deren Motive man trefflich streiten kann, meinte noch, dass die Verhinderung von Kickl als einigendes Motiv nicht reichen könne, um die ansonsten weit auseinanderklaffenden Unterschiede zu überbrücken.
Ja. Sowas nennt man dann ein weg-von-Ziel - siehe oben.
Man könnte brüllen vor Schmerz und vor Wut.
Gestern wurde der Weg freigemacht zu einem unvermeidlichen Wahlsieg dessen, was man verhindern wollte.
Weil dieses Trio es nicht einmal geschafft hat, sich einen inspirierenden Namen zu geben.
Weil sie kein Erreichungs-Ziel definierten.
Weil sie keine Sortiermaschine hatten, die ihnen helfen hätte können, die Zonen zu markieren, wo sie über den eigenen Schatten springen müssen.
Weil sie zu stolz waren, sich helfen zu lassen (ich denke dabei NICHT an mich, sondern nur an das Prinzip der Moderation).
Weil sie alle nicht sehen, dass sie zu Fußnoten in den Geschichtsbüchern verkommen, in denen vermerkt werden wird, dass am 3.1.2025 die Weichen für den Sieg des Faschismus in Österreich gestellt wurden.
DAS tut am meisten weh.
Dass das Familiensilber der österreichischen Demokratie am Flohmarkt von Krähwinkel verscherbelt worden ist.
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Birgit Brunner (Samstag, 04 Januar 2025 11:58)
Ja. Ja.eh.
So schade, dass diese Moderationsidee im Schreibtischladl blieb. A Theater, alles.. a Tragödie... und doch hab ich noch klitzekleine Hoffnung, dass es ohne Neuwahlen zu funktionierender Einigung.. mit Grün?... kommen kann.. weil ich sonst tagein tagaus trenzn müsst'.. und das lässt mich nit gut aussehen... LG und danke!
Olive (Samstag, 04 Januar 2025 12:34)
Ich schließe mich Birgit an. Vielleicht schafft man es ja doch noch, sich tief zu bücken und das beschimpfte Grünzeug um Verzeihung bitten.
Was ich (da auch vom Fach) viel bedauerlicher finde, ist die Tatsache, dass Meindl-Reisinger von Beginn an eine moderierende, staatstragende Kommunikation gemacht hat und genau das gebetsmühlenartig eingefordert hat, was Hannes beschreibt. Stiere brauchen eben attraktive Karotten, um den Motor anzuwerfen ;)
Christian S. (Dienstag, 07 Januar 2025 14:38)
Ich könnt' mir, lieber Hannes, vorstellen, dass auch die beste und gutwilligste Moderation dieser Parteien-Verhandlungen letztlich nur zu jenen leeren Kilometern geführt hätte, als die sie sich jetzt demaskieren. Denn wenn die (wie Du so richtig betonst) Zielvereinbarung von (zumindest einem der Partner) nicht aufrichtig gewollt wird, sondern "nur" dem "bemühten" Anschein des eigenen Handelns in den Augen der öffentlichen Wahrnehmung dienen soll (was sich jetzt ja offenbar bestätig hat), nutzt auch das beste Coaching nix ... da ist ja das Scheitern durch die eigentlichen Machtverhältnisse in den Netzwerken im Hintergrund bereits fix vorprogrammiert. ...Nun ... nachdem die IV und die Raiffeisen-Granden sich offensichtlich um jeden. Preis die FPÖ als Partner gewünscht haben (und sich damit in der ÖVP durchgesetzt haben, werden die schon dafür sorgen, dass "ihr Wunsch-Volkskanzler" genau das bekommt, was er sich wünscht. ... und da wird zumindest der IV ziemlich egal sein, wenn das in ein paar Jahren die ehemals bürgerliche Mittestands-Partei ÖVP auf eine reine "Bauern-Kleinpartei" reduzieren sollte. ... dann wird eben die IV die FPÖ auch ganz "formal" übernehmen. ... also: alles klar und "bestens", solange die bösen "Babler-Marxisten" von den Medien, deren Machtfäden in ebendieser IV. und Raiffeisen-Zentrale gezogen werden, zum "Non-valeur" marginalisiert werden können. Ich fürchte also bei aller zuversichtlichen Anerkennung Deiner Coaching-Qualitäten, dass Du DIESEN gordischen Knoten im neoliberalen Machtgefüge dieses selbstvergessenen, (völlig amoralischen) Parteienpartners nicht zerschlagen hättest können ...
Othmar Hill (Dienstag, 07 Januar 2025 16:06)
Danke, dass Du meine Gedanken lesen konntest. Eine gute Moderation hätte 5Tage für Kulturarbeit aufgewendet und erst dann die Themen sortiert. Keine Leuchtturm-Projekte zugelassen, sondern nur die Finanzprobleme angegangen mit vielen ganz kleinen Schritten und 3 Schattensprüngen, die Du ja vorschlägst…