Diesen Satz habe ich von meinen Freunden in Hamburg gelernt und ich finde ihn so viel besser,
als den, dass die Kinder des Schusters die schlechtesten Schuhe haben.
Denn die Geschichte mit dem Dachdecker zeigt sehr genau und sogar durchaus tröstlich, dass auch Menschen, die ihrem Broterwerb bei anderen gut nachgehen, bei sich selbst
manchmal mit ihrer Weisheit am Ende sind.
Das macht sie dann für jene, die ihnen behilflich sein möchten, ein bisschen unleidlich. Jede/r kennt die Geschichten von den Ärzt*innen und wie schwierig die als Patient*innen sind. Oder
von uneinsichtigen Anwält*innen, wenn die einen Rechtsbeistand für sich selbst brauchen. Oder - mein geliebter Freund - der große Paul ist eine rühmliche Ausnahme - von Gastronomen, denen es nur
mit Mühe anderswo schmeckt.
Jetzt schreib ich grade um den heißen Brei herum - wenn wir schon bei der Gastronomie sind 😁 - aber es ist eh nur mein Blog und ich nehme niemandem den Platz weg.
Was mich so sehr - immer mehr! - irritiert, ist der Umstand und die Erkenntnis, dass einem wie mir in Anbetracht der allgemeinen Gemengelage schön langsam die Ideen ausgehen, wie einer wie
ich und Gleichgesinnte sich wieder ein bissi wohler fühlen könnte.
Am Donnerstag war ich - gemeinsam mit meiner geliebten Frau und meinem wunderbaren Freund - dem großen Paul - auf der Demo vor dem Ballhausplatz. Meine älteste Tochter Lisa und ihr
Lebensgefährte und einer ihrer Freunde waren auch irgendwo im Getümmel. Gemeinsam mit ca. 35.000 Gleichgesinnten. (Ein "Mittelwert" zwischen den Angaben der Veranstalter und der Polizei.)
Schon beim Hingehen dachte ich mir:
Seit 1993 - dem ersten, größten Lichtermeer gegen den Ausländerhass (damals saß die selbe Tochter siebenjährig auf meiner Schulter) - gehe ich jetzt in diese Gegend, um meinen Unmut
physisch darzustellen.
Und es bewirkt irgendwie nichts.
Im Gegenteil: So schlimm wie jetzt war es noch nie. Wenn kein Wunder geschieht, wird in ein paar Wochen ein Faschist im Bundeskanzleramt sitzen.
Ich spüre jetzt noch immer das Unbehagen im Bauch, als ich am Donnerstag in der Kälte dastand und mich fragte: Das soll jetzt die Bilanz meines "politischen" Lebens sein?
Immerhin konnte ich mich noch zu einem müden Scherzchen aufraffen, als ich zum großen Paul sagte: "Du, sei mir nicht böse, aber dieses Mal kann ich nicht Deine Tochter am Arm tragen, wie
damals, 1983, bei der Friedensdemo."
Und dann fehlte mir sogar das übliche Ritual mit den üblichen "Verdächtigen".
Kein Obonya, der (s)einen Text vorträgt, kein Heller, der bedeutsam ist, keine Maria Bill, niemand, der was sagt. Statt dessen erratische Trillerpfeifen, Handy-Lampen, unkoordinierte Sprechchöre und nicht einmal ein gemeinsamer Schlachtruf.
Ich dachte und denke mir: "Na, da wird der kleine Herpferd sich jetzt aber fürchten!"
Und jetzt bin ich mir wenigstens in einem einzigen Punkt sicher:
Gegen die tobende Wiedergeburt der Bestie hilft nicht die Herz-Lungen-Maschine am bisherigen "System", sondern nur etwas Neues.
Etwas Neues, das von neuen Leuten getragen wird, die den Idealen der Demokratie mit neuer Glaubwürdigkeit einen neuen Spirit einhauchen und auch Leuten wie mir wieder neuen Mut und neue Ambitionen ermöglichen.
Und nein, ich falle nicht darauf herein, wenn nun Wohlmeinende mir raten "nimm es doch selbst in die Hand"! Ich bin für sowas gänzlich ungeeignet.
Ich würde aber für jemanden rennen, der/die mir ein "gutes Warum" gibt. Jemanden, der/die zwar schon mit beeindruckenden eigenen Cases auf sich aufmerksam machen konnte, aber OHNE an der
Parteipolitik angestreift zu sein.
Eine moralisch/praktische Identifikations-Figur.
Für die würde ich mich ins Zeug legen.
Und dann würde ein Flash zum ersten Mal eine wirklich inspirierende Wirkung entfalten, den ich
20 Jahre lang in meiner Werber-Karriere aus tiefster Seele hasste:
JETZT NEU!
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Verena (Samstag, 11 Januar 2025 11:35)
Danke, so sehe ich das auch.
War weniger überrascht, da ich schon kurz nach der Wahl an einer Do Demo teilgenommen habe.
Am Do haben wir, der Menge stehend, mit anderen älteren TNinnen gesagt „es geht um Zeichen setzen, bewirken wird das nix“. Nenn mich kleinlich - wenn ich eine Botschaft habe, muss ich die zumindest verständlich in‘s Mikrofon sprechen können. Trotzdem werd ich auch zur nächsten Versammlung gegen die Abschaffung des Rechtsstaates gehen. Um Zeichen zu setzen.