Karl-Markus Gauß ist einer meiner deutschsprachigen Lieblings-Autoren. Der 1954 geborene Österreicher lebt in Salzburg, jenem verstörenden Fleckchen Erde, das mit so großer Trittsicherheit zwischen Hochkultur und Niedertracht, zwischen atemberaubender Schönheit und niederschmetterndem Kitsch schlafwandelt.
Heute hat er im "Standard" ein Interview gegeben, das ich in größter Ehrfurcht vor seiner Gedankenkraft und Formulierungskunst hier auszugsweise zitiere.
"Mit der FPÖ haben wir eine
"Fraktion Putins Österreich".
Die ÖVP hat anders versagt als die SPÖ. Aber beide haben zusammen daran gearbeitet, die FPÖ immer weiter zu radikalisieren. Indem sie die rabiaten Forderungen der Freiheitlichen nach und nach aufgenommen haben, haben sie dafür gesorgt, dass die FPÖ noch weiter nach rechts gegangen ist, um sich weiterhin von ihnen zu unterscheiden. Natürlich ist die ÖVP ihr dabei viel weiter gefolgt als die SPÖ.
Die Frage ist, ob sie sich aus Opportunismus dabei selbst aufgegeben oder zur Kenntlichkeit verändert hat. So oder so wird es ihr nichts nützen, sondern ihrem Untergang nur etwas absolut Würdeloses verleihen. Die SPÖ wiederum hat mit ihrer Sozial- und Bildungspolitik bewirkt, dass ein, zwei Generationen von Arbeiterkindern als Akademiker Karrieren machten und viele Arbeiter und Angestellte einen Wohlstand erreichten, von dem sie verständlicherweise nichts mehr hergeben wollen. Ich bin ein absoluter Anhänger des Sozialstaates, kann mich aber leider nicht der Einsicht verschließen, dass der Sozialstaat den Menschen nicht bessert, sondern seinen Egoismus stärkt und seine Fähigkeit zur Solidarität schwächt.
Was mit der FPÖ unserer Gesellschaft blüht, das ist Klassenkampf von oben, ohne Gegenwehr von unten. Weil die Untrigen dazu gebracht werden, ihr Glück in der Verachtung derer zu sehen, die es noch schlechter haben als sie.
Der Kampf um den Status des größten Opfers tobt heftig. Dabei kommen übrigens gerade jene zu kurz, die wirklich Grund zur Klage hätten. Die Behauptung, man werde benachteiligt, gehört mittlerweile zum Repertoire faschistoider Machtergreifung, und der politische Appell, man müsse sich endlich wehren, mobilisiert die Massen.
Im Alltag sind überall schlagbereite Opfer um uns: Bloßes Ungemach wird zur großen Kränkung erklärt, traurige Vorkommnisse als echte Tragödien erlebt. Die narzisstische Gesellschaft bietet jedem fortwährend Gelegenheit, sich gekränkt zu fühlen. Und das Gefühl der Kränkung weckt die Sehnsucht nach Rache."
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