Mit großer Begeisterung und tiefem Respekt vor seinem andauernden und ausdauernden literarischen Höhenflug lese ich grade "Nexus" (Eine kurze Geschichte der Informationsnetzwerke von der Steinzeit bis zur künstlichen Intelligenz) von Yuval Noah Harari.
Im Kapitel "Massenmedien ermöglichen Massendemokratie" beschreibt er ein Ereignis,
das vor 200 Jahren in den USA stattfand.
Die geradezu chronische multiple Wiederholung ewig gleicher Muster verstört sehr.
Ich zitiere nun aus "Nexus" (Seiten 219, 220)
"Zeitungen spielten eine entscheidende Rolle bei der Entstehung früher moderner Demokratien wie der Vereinten Provinzen der Niederlande, des Vereinigten Königreichs von Großbritannien und Irland und der Vereinigten Staaten von Nordamerika. Wie schon die Namen andeuten, handelte es sich nicht um Stadtstaaten wie das antike Athen oder Rom, sondern um Zusammenschlüsse großer Regionen, die zum Teil durch diese neue Informationstechnologie geeint wurden.
Als zum Beispiel der amerikanische Präsident John Quincy Adams am 6. Dezember 1825 seine erste Regierungserklärung vor dem Kongress hielt, wurden der Text der Rede und Zusammenfassungen der wichtigsten Punkte im Laufe der nächsten Woche in Tageszeitungen von Boston bis New Orleans veröffentlicht (damals gab es in den Vereinigten Staaten bereits Hunderte Zeitschriften und Zeitungen.
In seiner Erklärung kündigte Adams eine Reihe von Infrastrukturprojekten an, vom Straßenbau bis zur Gründung eines Observatoriums, das er in poetischem Überschwang als »Leuchtturm des Himmels« feierte.
Seine Rede löste eine heftige Debatte aus, die vor allem in den Zeitungen ausgetragen wurde. Anhänger eines starken Staates begrüßten die Projekte als wichtigen Beitrag zur Entwicklung der Vereinigten Staaten, Befürworter eines schlanken Staates fürchteten dagegen einen zentralstaatlichen Übergriff und eine Beschneidung der Rechte der Bundesstaaten.
Kritiker aus dem Norden des Landes hielten es für verfassungswidrig, wenn die Zentralverwaltung die Bürger der reicheren Bundesstaaten besteuerte, um in ärmeren Staaten Straßen zu bauen. Südstaatler fürchteten dagegen, dass eine Regierung, die auf ihrem Territorium einen »Leuchtturm des Himmels« errichtete, eines Tages auf den Gedanken kommen könnte, ihre Sklaven zu befreien.
Man warf dem Präsidenten diktatorische Ambitionen vor und kritisierte seine gestelzte Ausdrucksweise als elitär und volksfern. Diese öffentliche Debatte beschädigte den Ruf der Regierung und trug zur späteren Wahlniederlage von Adams bei.
Er verlor die Präsidentschaftswahl des Jahres 1828 gegen Andrew Jackson, einen reichen Pflanzer und Sklavenhalter aus Tennessee, den einige Zeitungen als »Mann des Volkes« verkauften. Jackson behauptete gar, Adams und die korrupten Eliten in Washington hätten die vorherige Wahl gekauft."
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