Meine erste Erinnerung an die USA stammt aus dem Jahr 1963. Ich war damals fünf Jahre alt.
Eines Abends stand ich schon im Pyjama im Wohnzimmer und im Fernsehen liefen die Nachrichten. Da sah ich den damaligen österreichischen Außenminister Kreisky und er weinte. Er berichtete den Österreichern,
dass John F. Kennedy ermordet worden war.
Ich kann mich nicht an die Reaktion meiner Eltern erinnern, aber der weinende Minister hat sich in mein Gedächtnis eingegraben.
Etwa fünf Jahre später saß ich mit meinem Vater wieder vor dem Fernsehgerät und sah die Berichte aus Vietnam. Ich hatte als 10-Jähriger keine Ahnung von Weltpolitik, aber dass die
Amerikaner die "Guten" waren, stand für mich außer Zweifel. Ich hatte Vorabend-Serien aus den USA gesehen und von da her "wusste" ich, dass die Cowboys immer im Recht waren und die Detektive in
den großen Städten mit den großen Autos immer alle Mörder fingen. Wenn die amerikanischen Soldaten jetzt gegen die Nord-Vietnamesen kämpften, musste das wohl genauso sein.
Was mich als Kind immer wunderte: Bei den vielen Kämpfen und Schlachten fielen immer mindestens zehn mal so viele "Feinde", wie bei den Amerikanern und trotzdem konnten sie den Krieg nicht
gewinnen.
Dann kam die Zeit von Richard Nixon als Präsident und da fühlte ich zum ersten Mal ein diffuses Unbehagen. Immer schon waren mir Menschen, die lügen, nicht geheuer und mit 10 oder 12 Jahren
spürte ich, dass da ein professioneller Betrüger am Werk war.
Zur selben Zeit lernten meine Eltern ein amerikanisches Touristen-Ehepaar kennen und die schenkten mir ein Jahres-Abo von "National Geographic" - es gab sie also doch, die "guten"
Amis.
Als ich 15 und 16 Jahre alt war, durfte ich zwei Sommer in England verbringen und ab da war mir die angelsächsische Welt ganz ans Herz gewachsen.
Ich war dann bis zur Matura Klassenbester in Englisch.
Beim Bundesheer gab es ohnehin nur ein einziges Bedrohungsbild: Wir werden aus dem Osten angegriffen.
Spätestens beim Studium brachte ein Professor mein pro-amerikanisches Weltbild ins Wanken, als er uns 1978 fragte: "Wer schützt uns vor unseren Freunden?"
Zu dieser Zeit verhandelte Jimmy Carter in Wien mit Leonid Breschnjew den ersten großen Abrüstungs-Vertrag und ich sehe noch, wie er auf das steinerne Gesicht des russischen Diktators einen
Kuss drückte.
1983 war ich dann mit meinem besten Freund und seiner Frau auf einer Friedensdemo gegen den NATO-Doppelbeschluss und trug die einjährige Tochter meiner Freunde auf den Armen.
Reagan hielt ich für einen B-Movie-Darsteller, der sich in die Rolle eines Präsidenten verirrt hatte und mit seinen Reaganomics die Reichen reicher und die Armen ärmer machte. Ein paar
Jahre später musste ich staunend feststellen, dass er mit seiner Hochrüstung die UdSSR kaputtgerüstet hatte und die Berliner Mauer fallen konnte, weil Gorbatschow erkennen musste, dass das
historische Match verloren war.
Heute vermisse ich den alten Ronnie beinahe, auch seine Vision von der leuchtenden Stadt am Hügel fühlt sich beinahe "cosy" an.
Ab Mitte der 80er-Jahre begann meine Zeit in der Werbung und von den 20 Jahren im Kommunikations-Geschäft verbrachte ich 15 in amerikanischen Networks. In dieser Zeit habe ich viel
gelernt.
Noch heute bewundere ich die Fähigkeit der Amerikaner, komplexe Sachverhalte kraftvoll zu verdichten. Und zu ihrem Wort zu stehen, auch wenn es möglicherweise für sie ein Nachteil sein sollte. (Das WAR damals so und heute wundere ich mich über diese Sätze, die ich da grade schreibe.)
Gleichzeitig störte mich auch damals schon der krasse Bildungsmangel meiner amerikanischen Kollegen. Bei ihren Wien-Besuchen konnten sie aus meinem Büro in der Prinz-Eugen-Straße das
"Russendenkmal" sehen und kamen aus dem Staunen nicht heraus. Sie fragten mich ernsthaft,
wo denn nun der berühmte "Eiserne Vorhang" hängen würde und wie weit es zum nächsten österreichischen Meereshafen wäre. Meine Auskunft, dass wir seit 1918 keinen Seehafen mehr haben, nahmen
sie mit einem Achselzucken zur Kenntnis.
Auch dass Österreich und Deutschland zwei verschiedene Kulturen haben, war nur sehr schwer vermittelbar.
Als Clinton wegen eines Blowjobs und seiner Lüge darüber beinahe impeached worden wäre, stolperte ich zum ersten Mal über die unfassbare Bigotterie der Amerikaner.
Das sehr spezielle Verhältnis der amerikanischen Politik zur Wahrheit kam dann bei der ersten Wahl von George W. Bush zum Vorschein, als ein amerikanisches Gericht einfach die
Stimmenauszählung stoppte. Oder als man nach Besetzung des Irak die "versprochenen" Atomsprengköpfe dort nicht finden konnte und Colin Powell zugeben musste, den UNO Sicherheitsrat glatt belogen
zu haben.
Nach Bush meinte ich - was für ein Irrtum! - das Schlimmste wäre überstanden.
Sogar nach Trump 1 glaubte ich dasselbe.
Heute empfinde ich nur noch Ekel, wenn ich an den wahnsinnigen Narzissten im Oval Office und seine durchgeknallten Vasallen bzw. jene, die ihn fernsteuern, denke.
Alles, was ich an den USA so liebe, ist kontaminiert. Die Musik, das Kino, die Literatur, die Kunst und ja - so viele Menschen, die ich kennenlernen durfte und von Herzen gern
habe.
Wo ist das alles hingegangen?
Wegen 1,5 Prozent Vorsprung im popular vote?
Was hat die Demokraten geritten, seit 20 Jahren den Wählertausch zu den Reps zuzulassen? Wieso war Biden so altersstarrsinnig und ließ den Dems nur Harris als Notlösung? Wieso lassen die
Dems notorisch die Zeit bis zu den Mid-Terms ungenützt, bis sie dann wieder die Mehrheiten im Congress und im Senat verloren haben und ihr Präsident als lame duck zu den nächsten Wahlen
stolpert?
Wieso lassen wir es in Europa zu, dass in Frankreich, Deutschland, Polen, Ungarn, der Slowakei, Österreich und auch England die Faschisten so groß werden konnten und dabei auch noch so
Putin-hörig. Ausgerechnet den Russen kriechen sie in den Arsch, die zwar bis 1945 einen enormen Blutzoll gezahlt haben, um uns von den Nazis zu befreien, danach aber 10 Jahre lang in Österreich
ein Terror-Regime aufgezogen hatten. Mit planmäßigen Vergewaltigungen, mit Entführungen und Ermordungen, mit radikalen Raubzügen in der österreichischen Industrie, die jetzt wieder kein Problem
hat, verbotene russische Geschäfte zu machen.
Warum haben wir kein europäisches Verteidigungs-System, das uns unabhängig macht von den amerikanischen Atom-Bomben?
Weil - und hier schließt sich der Kreis - wir uns nun für viele Jahre von einer wohl nur noch gefälschten Freundschaft mit den USA verabschieden müssen und nur noch bei George Orwell
nachlesen müssen, wie es nun weitergeht.
"Mein" Amerika gibt es nicht mehr.
Es ist vorbei. Für lange - sehr lange - Zeit.
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Patzschke Reinhard (Samstag, 01 März 2025 18:36)
Ich kann Deine Zeilen gut nachvollziehen. Gruss Reini
Andreas Brinker (Sonntag, 02 März 2025)
Sehr schön auf den Punkt gebracht. Leider. Aber so isses wohl.
Robert Dengscherz (Mittwoch, 05 März 2025 14:03)
Es ist vorbei. Früher konnte ich in Diskussionen mit Putinfreunderln immer mit der Frage: "Und warum gibt es keinen Русская мечта (RussischenTraum), warum will keiner einer "Russian Way Of Life".
Es ist vorbei, der American Way Of Life ist dahingegangen.