"Freude am Führen" - Zweite Leseprobe

"Freude am Führen" erscheint am 4.4.2025.

Hier eine zweite Leseprobe.


Servant Leadership ist kein 3-Wetter-Taft.


"Servant Leadership hat einige Vorteile, die so eklatant sind, dass sie auch durch strenge Kritiker nicht von der Hand gewiesen werden können. Selbstverständlich wirkt sich der empathische und fürsorgliche Zugang der Führungskräfte hinsichtlich Motivation und Wertschätzung der Mitarbeitenden förderlich für deren Engagement aus. Dieses unterstützende Umfeld fördert Teamgeist und Zusammenarbeit.


Und – hier ist der Einfluss der Servant Leadership wohl am eklatantesten: Der Fokus auf Nachhaltigkeit, Ethik und persönliche Entwicklung ist ein hilfreicher Beitrag für eine positive Unternehmenskultur und stabilisierende Ergebnisse auf der Ebene der Mitarbeiterzufriedenheit.


Es gibt aber auch reale Nachteile, die umso deutlicher zutage treten, je umfassender der Ansatz der Servant Leadership praktiziert wird: Servant Leadership verlangt ein hohes zeitliches Engagement der Führungskräfte.

Die Einschätzung, wie lukrativ dieser Aufwand ist, bleibt selbstverständlich den Führenden überlassen, kann aber durchaus bei strenger Rentabilitätsrechnung auch zu Kritikpunkten führen. 


Die Führungskonzepten dieser Art zugrunde liegende Annahme des hauptsächlich „guten Menschen“ kann im Falle einer geringer ausgeprägten Menge dieses Menschentypus zu zynischem Ausnützen der dienenden Haltung der Führungskräfte führen und den Wirkungsvektor des Konzepts ins Gegenteil drehen.


Und: Das Konzept der Servant Leadership braucht eine Organisationsform, die sehr flache Hierarchien aufweist. Je hierarchischer eine Organisation strukturiert ist, umso größer ist der Aufwand der Umstellung auf das dienende Modell und umso später werden die erhofften Nutzen in die Scheune gebracht werden können.


Für jemanden wie mich, der seit Jahrzehnten fast schon manisch den Zusammenhang zwischen Wertschätzung und Wertschöpfung betont, ist es keine große Anstrengung, sich auf die Faszination des Konzepts einzulassen.


Gleichzeitig blinken auf meinem analytischen Radar ganz deutliche Hinweise, dass sich der mir aus praktischer Beobachtung zur Verfügung stehende „Reality Check“ sehr vehement wehrt, der Servant Leadership einen Alleinvertretungsanspruch oder gar eine Allheilmittel-Aura in der Welt der Führung zuzugestehen.


Viel zu oft habe ich mitfühlend beobachtet, wie hoch engagierte dienende Führungskräfte ausgepowert in den Seilen hingen und am Ende weder die so sehr gewünschte Wertschätzung stabil auf die Reihe brachten und schon gar nicht den erhofften Boost der Wertschöpfung lukrieren konnten.


Noch um eine Ecke schärfer formuliert: Aus meinen Beobachtungen darf ich schließen, dass Servant Leadership in Szenarien von Krisen beinahe kontraproduktiv funktioniert oder zumindest die Einhaltung eines erforderlichen Regelwerks erschwert bis behindert. Ganz pointiert: Ich halte Servant Leadership für eine Schönwetter-Strategie, die bereits bei mittelschwerem Regen an ihre Grenzen stößt."

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