Mein Großvater war im Ersten Weltkrieg und hat in fünf Isonzo-Schlachten gekämpft.
Mein Vater war im Zweiten Weltkrieg und war ein Jahr in französischer Kriegsgefangenschaft.
Ich durfte mein ganzes bisheriges Leben in Frieden leben und trug ganze acht Monate lang meine Uniform beim Österreichischen Bundesheer.
Durch meine Vorfahren weiß ich ziemlich gut Bescheid, was Krieg und Invalidität bedeuten können.
Und nun ist seit mehr als zwei Jahren wieder Krieg auf europäischem Boden. Nach den Balkankriegen Anfang der 90er-Jahre. Zu dieser Zeit habe ich einmal ein PPM abgebrochen, weil 500 km weiter südlich die Menschen massakriert wurden und starben, während wir darüber diskutierten, wie sich tiefgekühlte Eismarillenknödel in Superslowmotion mit Bröseln überzogen.
Und jetzt schreiben Leute, die in den 80er-Jahren noch nicht einmal geboren waren, dass der Kalte Krieg durch Verhandlungen (!) zu Ende ging!
Was ist da los?
Nein, der Kalte Krieg ging NICHT durch Verhandlungen zu Ende. Er ging zu Ende, weil Reagan und die NATO den Warschauer Pakt zu Tode gerüstet haben. Weil die Länder des Comecon nicht mehr in der Lage waren, ihre Bevölkerungen zu ernähren, weil sie einfach zu viel in die Rüstung investieren mussten. In einen Wettlauf, den sie nicht gewinnen konnten.
Danach fanden dann Verhandlungen statt.
Als Gorbatschow richtigerweise feststellte, dass "wer zu spät kommt, den würde das Leben bestrafen".
In genau derselben Lage befindet sich die westliche Welt jetzt.
Wenn Europa nicht endlich zur Besinnung kommt, sich aus der US-amerikanischen Umklammerung löst - Dank an den Orangen im Weißen Haus, dass er auf uns scheißt -, endlich aufrüstet und dem russischen Aggressor ein robustes Stopp-Schild hinstellt, wird das Leben uns alle bestrafen.
Indem wir in den Faschismus zurückfallen, dann halt den östlicher Prägung. Indem wir keine freie Meinungsäußerung mehr haben. Und unsere Kinder und Enkelkinder bald kein gesichertes historisches Wissen mehr erwerben dürfen.
Anzeichen für diesen Bildungsnotstand gibt es jetzt schon mehr als genug.
Neulich erlebt: Eine Runde durchaus mit formaler Bildung ausgestatteter Leute Mitte 30/Anfang 40 wusste nicht, was Appeasement ist, nichts über die Münchner Verhandlungen 1938, nichts über den Hitler/Stalin-Pakt. Nichts.
Aber sie wollten, dass der Krieg in der Ukraine aufhört, Hauptsache das Sterben hört auf, egal, um welchen Preis.
Diese Bewusstlosigkeit ist so beängstigend und macht mich sehr wütend.
Die in Österreich ohnehin in der Breite schmachvoll ignorierte Zeitgeschichte rächt sich jetzt mit noch viel erbärmlicherer Rückgratlosigkeit und entsetzlicher Beliebigkeit in der Einnahme opportunistischer Positionen.
Scheinbar gesichert geglaubte Erkenntnisse wie das Poppersche Toleranz-Paradoxon (gesichert gewähnt bei Leuten mit Matura), dass das Ende der Toleranz bei der Intoleranz angekommen ist, weichen der Beobachtung, dass eh alles wuascht ist, Hauptsache, der Blick über die eigene Hutkrempe offenbart keine Irritationen, die der eigenen Komfortzone abträglich sein könnten.
Ja, aber Hauptsache, wir glauben, dass sich Mörder durch Verhandlungen stoppen lassen, während Kinder entführt, massakriert und hingerichtet werden.
Kommentar schreiben